Nach Thaler 1999, E151 gilt typologisch als „Siedlung“:

  • ein- bis zweigeschossige Bebauung
  • beabsichtigter ländlich-dörflicher Charakter
  • individueller, aufgelockerter Gesamteindruck, verstärkt durch Einzelhäuser, -gärten, -garagen
  • kleinteilige Architektur
Bautypologie nach Thaler 1999 und Beipiele dafür am Spallerhof

Bautypologie nach Thaler 1999 und Beipiele dafür am Spallerhof (für vergrößerte Ansicht aufs Bild klicken und Kopf um 90° nach rechts/Monitor 90° nach links drehen)

 
Zeilenverbauung

Zeilenverbauung

gemischte Bebauung

gemischte Bebauung

hofartige Anlage

hofartige Anlage

Die Spallerhof“siedlung“ ist dieser Klassifizierung zufolge nur zum Teil „Siedlung“ (und zwar im Bereich nördlich der Muldenstraße) und setzt sich aus unterschiedlichen Anlangen-Typen zusammen:

  • Großwohnanlagen mit Zeilenverbauung (Muldenstraße)
  • Gemischte Bebauung mit Zeilen- und Hofbildung (Spallerhofstraße, Pecherstraße, Tungassingerstraße, Waldingerstraße, Zinöggerweg; Reihenhausanlage Scheibenpogenstraße)
  • hofartige Anlagen (Glimpfingerstraße, Scheibenpogenstraße, Strnadtweg)

Gemischte Bebauung mit Zeilen- und Hofbildung und hofartige Anlagen machen demnach den Haupttyp von Bauten am Spallerhof aus. Der hofartige Eindruck entsteht durch die Anordnung hakenförmiger oder freistehender Trakte (Thaler 1999, E152).

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Bautypologie rekonstruiert nach der Österreichischen Kunsttypographie (Thaler 1999).

Die Siedlung hatte noch eine nicht-architektonische, sondern sozialpolitische Bedeutung:

“In sozialpolitischer Hinsicht hatte der Nationalozialismus die Klein- und Heimstätteniedlung als ‚die beste Siedlungsform für die werktätige Bevölkerung‘ proklamiert, da sie geeignet sei ‚den deutschen Arbeiter wieder mit dem Heimatboden zu verbinden.

Als Siedlungsanwärter zugelassen waren ‚alle ehrbaren minderbemittelten Volksgenossen, und zwar vornehmlich gewerbliche Arbeiter und Angestellte, die ebenso wie ihre Ehefrauen deutsche Reichsangehörige, deutsche oder artverwandten Blutes, politisch zuverlässig und erbgesund sind’” (Thaler 1999, E155).

Logo der WAG

Logo der WAG (Quelle: http://www.wag.at)

1938 wird die „Wohnungsaktiengesellschaft Linz“ (WAG) als privat geführte Wohnbaugesellschaft der HGW gegründet, um dem Wohnbedarf der HGW-Arbeiter nachzukommen. Die WAG als Tochtergesellschaft verfügt über ein Grundkapital von 1 Mio. Reichsmark. Zu ihren Aufgaben gehören die Abwicklung der Absiedlung von St.Peter und die Bereitstellung von Werkswohnungen für die Arbeitskräfte der Hermann-Göring-Werde (Karl 1988, 61).

Die Siedlung am Spallerhof ist eines der ersten Bauprojekte der WAG. 170 Wohnhäuser mit insgesamt 865 Wohnungen sind schon 1939 bezugsfertig.

Die meisten Gebäude des Spallerhof gehen auf das Architekturbüro Rimpl zurück, das Albert Speer verantwortlich ist, mit der Abwicklung der jursitischen Belange zu Ab- und Umsiedelung der Bewohner von St. Peter wird Assessor Hanns Meissner betraut (Quelle: Interview mit Helmuth Gröbl, 24.5.2012).

1944 wurde die Bautätigkeit kriegsbedingt eingestellt (nach dem Krieg bis 1949 wurden die begonnenen Bauten fertiggestellt [1]).

„Nach Ende des Zweiten Weltkrieges waren die Eigentumsverhältnisse der WAG zunächst unklar. Die rechtliche Sicherung der Wohnungs-AG Linz erfolgte vorerst unter einer Verfügung der amerikanischen Militärregierung, wonach die bis dahin agierende provisorische Geschäftsführung zum treuhänderischen Verwalter bestellt wurde“  [2]. 1955 geht die WAG ins Eigentum der Republik Österreich über.

Referenzen:

[1] http://www.unserlinz.at/allgemeines/diverses/wohnbau_nszeit.htm

[2] Mangels eine Treffens mit der WAG (siehe Post weiter unten) greifen wir hier auf Wikipedia zurück, um die Geschichte der WAG ansatzweise wiederzugeben: http://de.wikipedia.org/wiki/WAG_Wohnungsanlagen.

Herbert Rimpl wird am 25.1.1902 im Malmitz (Schlesien) geboren und stribt am 2.6.1978 in Wiesbaden. 1932 gründet er sein eigenes Architekturbüro (, das bis 1938 aber als Bauabteilung zu den Heinkel-Werken gehört [vgl. Harlander 2012, 127], 1933 wird er Mitglied der NSDAP, vom 1937 bis 1945 ist er Baudirektor der „Bauabteilung Reichswerke Hermann Göring“, 1938 werden Rimpl und seine Mitarbeiter zu Angestellten der WAG (ebenfalls Harlander 2012, 127), ab 1940 ist er Baudirektor der Montanblock-Baustab GmbH [1]. Seine Karriere setzt er nach Kriegsende (fast ungehindert) fort.

Rimpl macht sich mit der Errichtung der Heinkel Flugzeugwerke (ab 1934) einen Namen als Spezialist für Industrieanlagenbau. Das Büro Rimpl wächst schnell zum „Architekturkonzern“ mit über 200 Zweigstellen an (vgl. Harlander 2012, 128). Als Experte  für Industrieanlagen ist er für Albert Speer der ideale Kandidat für die Errichtung der Hermann Göring Werke.

Haus an der Tungassingerstraße / Waldingerstraße (Foto: nw)

Haus an der Tungassingerstraße / Waldingerstraße (Foto: nw

Speer beauftragt Rimpl 1938 mit dem Bau des Linzer Stahlwerks sowie einer Werksarbeitersiedlung am Gelände des Spallerbergs. Seine Wohnbauten umfassen Gebäude an der Glimpfingerstraße, am Hausleitnerweg, a, Lamprechtgang, in der Adam-Müller-Guttenbrunn-Straße, Pechrerstraße, Tungassingerstraße, der Spallerhofstraße inklusive der Spallerhofschule, am Zinöggerweg, der Waldingerstraße,am Kennerweg, Strnadtweg, in der Scheibenpogenstraße sowie am Proschkogang [Hack 2010, 68]) – also dem gesamten Kerngebiet der Spallerhofsiedlung, die bis heute weitgehend erhalten ist und nur in wenigen Fällen adaptiert wurde. Stilistiisch zählt Rimpl zur „Stuttgarter Schule“ (Thaler 1999, E156).

Eines der wenigen Beispiele für von außen sichtbare Modifikationen an den Gebäuden (Foto: nw)

Eines der wenigen Beispiele für von außen sichtbare Modifikationen an den Gebäuden (Foto: nw)

Vorbemerkung: Herr Gröbl ist Mitbegründer des Geschichteclub Stahl, der im Haus des ehemaligen Werkshotels in der Glimpfingerstraße 59 untergebracht ist (heute: Frühstückspension). Helmuth Gröbl kommt aus der Steiermark und lebt seit 1947 in Linz. Wir besuchen den Geschichteclub am 24.5. und werden von Herrn Gröbl durch die Ausstellung geführt:

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Quelle der Abbildungen: Reproduktionen von Fotos der Dauerausstellung „St.Peter“ im Pfarramt St.Peter.

G: „… Dann haben wir hier das Dorf St. Peter. Von der Donau bis zur Traun und dann von der Westbahn bis zur Budweiser Bahn.

Da ist der Spatenstich durchgeführt worden. Dieser Herr Meissner, der hat das ganze geleitet damals, diesen ganzen Aufbau der Hermann Göring Werke, ein großes Stahlwerk mit Walzwerken. Da wurde die VÖEST geplant. Und wie es dann geiheißen hat, da würde, der Kriegsbeginn war eben dann, da haben sie die Bauarbeiten, die damals schon gemacht waren, eingestellt und haben das Rüstungswerk gebaut.

F: Wir haben uns vorher gerade gefragt, wo denn die Einwohner von St. Peter hingekommen sind?
G: Ja, das zeig ich Ihnen. […] hat verschiedene gegeben. Die einen haben Häuser gehabt, kleine Häuser, man sieht da so ein Haus, das waren ganz einfache Häuser, ein Doppelhaus, die haben wieder ein Haus bekommen im Keferfeld, im Ortsbereich Keferfeld […] Und alle, die in Wohnungen gewohnt haben, die haben eine Wohnung gekriegt in der Wienerstraße, Richtung Ebelsberg. Die werden Sie kennen, die langgezogenen Bauten. Das sind die Häuser für die Bewohner von St. Peter, die aber oft nur ein Zimmer gehabt haben, und da haben sie auf einmal eine Wohnung gehabt, mit Bad und Klo und so weiter, das haben sie ja alles nicht gehabt. Ebenso ist es auch im Keferfeld gewesen. Die, die Häuser gehabt haben, die haben dann Häuser gekriegt im Keferfeld mit allem Komfort, für die damalige Zeit.

Herr Gröbl erklärt uns, was mit den Bewohnern von St. Peter passiert ist

Herr Gröbl erklärt uns, was mit den Bewohnern von St. Peter passiert ist

F: Und weiß man, wie es denen gegangen sind, mit der Umsiedlung?
G: Das ist ziemlich klaglos gegangen. Es hat zuerst furchtbar ausgeschaut […] weg müssen vom Dorf. Das ist eh klar, wer so ein Dorfleben gewohnt ist […] in der Nähe, auf einmal ist das alles zerrissen. Da gibt’s eh dann … Hinweise, haben wir verschiedene. Die einen sind da an die Wienerstraße angesiedelt worden, die in Wohnungen gewohnt haben im Keferfeld … ah, in St. Peter.

F: Wir haben gelesen, dass die von heut auf morgen aussiedeln mussten.
G: Das musste sehr schnell gehen, dort, wo sie zu bauen begonnen haben. Da mussten die Leute ganz schnell weggesiedelt werden, da haben sie Bauernhöfe, die in der Gegend waren, adaptiert, ein bisserl die Räume hergerichtet, dass sie sie dorthin übersiedelt haben. Die haben sich aber nichts selber machen müssen, das wurde Ihnen alles vom Staat, als von damals von eben Leitungen […], mit LKW…

F: Waren das die Barackensiedlungen?
G: Nein, das hat mit Baracken nichts zu tun. […]

F: Wir haben in der Ausstellung gesehen, dass das oft über Nacht ging.
G: Es musste sehr schnell gehen, und zwar dort, wo zu bauen begonnen wurde.

 

Plan von St. Peter in der Zizlau

Plan von St. Peter in der Zizlau

G: Wo sie Platz gebraucht haben für Bautätigkeiten, da mussten die Leute ganz rasch, innerhalb von ein, zwei Tagen mussten die ausgezogen sein. Und da hat man eben bei Bauernhöfen, die aufgelassen waren schon einmal, hat man die Räume adaptiert und hat’s dann umgesiedelt. Sie haben selber nichts […] Und da hat man eben bei Bauernhöfen, die aufgelassen wurden, die Räume adaptiert.

F: Hat es da so viele Bauernhöfe gegeben?
G: Jaja, das war ein richtiges Bauerndorf. […] Die Bauern wurden auch umgesiedelt. Entweder nach Enns, haben sie einen leeren Bauernhof gehabt, haben sie sie dahin übersiedelt, haben Ihnen aber geholfen, finanziell, beim Aufbau oder bei der Renovierung des Gebäudes. Und das hat auch der Meissner gemacht […]

F: Ist der Architekt gewesen?
G: Nein, Jurist war er …. der Hanns Meissner.

 

Über zugezogene Stahlarbeiter

F: Wir haben in der Ausstellung im Pfarramt gelesen, dass Arbeiter aus de Ruhrpott nach Linz gekommen sind.

G: Da hat es einige Berufssparten gegeben, die interessiert waren, hier einen Job zu bekommen. Und darum sind sie notdürftig im Spallerhof, wo heute die Kirche steht, da war ja früher der Spallerhof, da sind auch Quartiere gewesen, recht primitive Quartiere haben sie da gehabt.

F: Gab es einen Unterschied zwischen Wohngebäuden, die am Spallerhof errichtet wurden, und denen am Bindermichl?
G: Sie sind draufgekommen, das sie mehr Personal brauchen. Hier im Spallerhof haben sie ja hauptsächlich einstöckige Häuser gebaut. Und am Bindermichl dann schon zweistöckige. Der Spallerhof war die Siedlung zur Unterbringung von Werksangehörigen. Die Unterbringung war besser als bei anderen Betrieben, die haben oft nur ein, zwei ganz primitive Zimmer gehabt. Ein Ehepaar, dass einmal zu Besuch gekommen ist und von Donawitz nach Linz gezogen ist, war ganz überrascht, wie groß und luxuriös die Wohnungen hier sind, mit fließend Wasser in der Wohnung und Bad und extra Klo! Die hatten gar nicht genug Möbel, um die Wohnung voll zu kriegen.

 

Zu Hanns Meissner

Hanns Meissner - WAG-Direktor, St.Peter-Umzugsleiter, Planer der Spallerhofsiedlung

Hanns Meissner – WAG-Direktor, St.Peter-Umzugsleiter, Planer der Spallerhofsiedlung

G: Der Herr Meissner, das war auch derjenige, der die WAG gegründet hat. Er hat damals die Aufgabe gehabt, die Absiedlung der Bevölkerung von St. Peter zu veranlassen, den Aufbau der Hermann Göring Werke zu leiten und gleichzeitig Wohngebiete für die Beschäftigten der Hermann Göring Werke aufzubauen.

Nivellierung des Geländes, Weikerlsee, Estermann Seifenfabrik, Gräberfunde

 

Zur Geschichte des Geschichteclub Stahl

 

Bombenangriffe auf die HGW

 

Quelle:

Interview mit Helmuth Gröbl, 24.5.2012

In der ersten Spallerhofzeit ist sie nur ein lehmiger Feldweg. Die VÖEST-Arbeiter benutzten ihn täglich von und zur Arbeit und treten ihn dabei immer mehr zur breiten Straße aus. Erst ab 1945 wird die Bezeichnung Muldenstraße zum offiziellen Namen.

Generaldirektion der VÖEST

Ehemalige Generaldirektion der VÖEST in der Muldenstraße

Ehemalige Generaldirektion der VÖEST in der Muldenstraße (Foto: nw)

 

1940/41 errichtetet sollte das Gebäude ursprünglich der WAG (Wohnungsaktiengesellschaft) als Direktion dienen, wurde dann aber zur Generaldirektion der VÖEST.

 

 

 

 

 

Stahlarbeiter gießen den WAG-Schriftzug (Foto: nw)

Stahlarbeiter gießen den WAG-Schriftzug (Foto: nw)

 

Die Fassade des Wohnhauses daneben zeigt ein Mural, dass das Zusammenwirken VÖEST und WAG symbolisiert: einen Hochofenarbeiter und einen Stahlgießer, der den WAG-Schriftzug aus Stahl gießt.

Quelle
Reiterer, Kurt. Rings um den Spallerhof. Ein Linzer Siedlungsraum und seine Vergangenheit. Linz: Eigenverlag, 1992
Der Platz ohne Namen

Der Platz ohne Namen

Durch einen Torbogen gelangt man auf den zentralen Platz des Spallerhof. Er liegt an der Kreuzung Glimpfingerstraße und Spallerhofstraße und ist namenlos. Wendet man sich nach rechts, sieht man den Friseursalon, den es hier bereits seit 1941 gibt

Hauptgebäude mit Geschäftslokalen

Hauptgebäude mit Geschäftslokalen

Das Hauptgebäude des Platzes beherbergte im Laufe der Zeit unterschiedliche Geschäfte, früher den “Konsum”, später eine Drogerie, heute eine Reinigungsfirma.

Im Westen des Platzes wurde nach Kriegsende eine Trafik eingerichtet. In dem Geschäftslokal befand sich während des Krieges das Milchgeschäft.

In Hausnummer 65 war ab 1941 das Postamt untergebracht. Diees Haus wurde als eines der ersten schon 1939 von Mietern bezogen. Gleich daneben fällt ein überdimensionaler Torbogen auf, der in einen weitläufigen Innenhof führt und die Verbindung zum Proschkogang herstellt.

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Im Süd-Osten des Platzes schließlich finden wir das ehemalige Werkshotel der Hermann Göring Werke. Seit 1980 ist darin auch der Geschichteclub Stahl eingemietet.

Quelle:

Reiterer, Kurt. Rings um den Spallerhof. Ein Linzer Siedlungsraum und seine Vergangenheit. Linz: Eigenverlag, 1992.

Die frühere Kohlehandlung: In diesem Gebäude wurde in den Kriegs- und auch noch Nachkreigsjahren Kohle verkauft. Danach war hier ein Papiergroßhandel untergebracht, heute ist es Sitz der Volkshilfe.

Die ehemalige Kohlehandlung (Foto: nw)

Die ehemalige Kohlehandlung (Foto: nw)

Gegenüber befindet sich heute das Evangelische Pfarramt AB Linz Süd mit der Christuskirche. Das Pfarramt wurde erst nach dem Krieg gebaut, die erste Evangelische Kirche 1952 errichtet. Sie musste allerdings gesprengt werden, nachdem sich der Grund mehr und mehr gesenkt hat: Man fand erst da heraus, dass die Kirche oberhalb eines Nazi-Stollens errichtet worden war. Die neue evangelische Kirche wurde 1972 eröffnet.

Das Evangelische Pfarramt

Das Evangelische Pfarramt (Foto: nw)